Der Kampf für Frauenrechte in Kenia: Witwen wehren sich gegen Enteignung und Missbrauch

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Der Kampf für Frauenrechte in Kenia: Witwen wehren sich gegen Enteignung und Missbrauch

Schon von weitem hört man den Gesang der Witwen, die sich heute auf dem Gelände der Witwenkooperative St. Monica Village in Nyabondo versammelt haben. Fünfzig Frauen in bunten Kleidern und Tüchern singen, klatschen und tanzen. Von der kleinen Gruppe geht Kraft und Lebensfreude aus. Sie haben sich heute versammelt, um gemeinsam den Welt-AIDS-Tag zu feiern. „AIDS und Ungleichheit beenden“ ist das Motto des Tages.  Die Frauen der Witwenkooperative St. Monica Village haben sich zusammengeschlossen, um sich gemeinsam gegen Stigmatisierung und Ausgrenzung zu wehren und sich für die Rechte von Witwen einzusetzen. Starke Ziele in einer Region, in der die AIDS-Rate bei rund 17 bis 20 Prozent liegt. Hier leben deshalb besonders viele verwitwete Frauen und Waisenkinder.

Entrechtung und Missbrauch

Etwa 70 Prozent der Menschen in Kenia verdienen ihr Geld in der Landwirtschaft. Viele von ihnen besitzen ein eigenes Stück Land, die sogenannte Shamba. Besonders in Zeiten der Corona-Pandemie bietet ein kleines Stück Land wertvolle Sicherheit. Aber nur zwei Prozent der Landbesitzer in Kenia sind Frauen und nur fünf Prozent des Landbesitzes in Kenia ist auf Mann und Frau gemeinsam eingetragen. Theoretisch sind die Rechte von Witwen in Kenia zwar geschützt und sie haben ein Anrecht auf die Erbschaft ihres Mannes. Aber der Schutz des Gesetzes und der Verfassung reicht nicht bis in die entlegenen, ländlichen Regionen fern von der Hauptstadt Nairobi. Frauen sind hier stark benachteiligt. Im Westen Kenias sind Witwen immer wieder Opfer von Entrechtung und Missbrauch. Oft sind es die Familien des verstorbenen Mannes, die Land und Erbschaft an sich reißen. Die alleinstehenden Frauen haben kaum eine Chance.

Witwen werden zu Eigentum

Anstatt Land und Eigentum des Ehemanns zu erben, werden Witwen im Westen Kenias teilweise selbst zum Eigentum. Bei den Luo, der viertgrößten Volksgruppe Kenias, ist es Tradition, dass Witwen an ein männliches Familienmitglied aus der Familie des Mannes weitervererbt werden. Ursprünglich diente dieser Brauch dem Schutz der Frau und ihrer Kinder. Aus Angst vor einer Ansteckung mit HIV/AIDS und weil die finanzielle Belastung für die Sorge von Frau und Kindern den Verwandten oft zu hoch ist, wird dieser Brauch jedoch immer seltener praktiziert. Heute gibt es sogenannte „Witwenerben“- Männer, die dafür bezahlt werden, Witwen zu heiraten und sich um sie zu kümmern. Nicht selten haben sie mehrere Frauen. Diese Ehen können aber sehr leicht wieder aufgelöst werden.

Sex ist ein fester Bestandteil vieler Traditionen bei den Luo, sei es im Zusammenhang mit dem Bestellen der Felder, der Ernte oder beim Hausbau. Es wird als wichtig angesehen, dass Frauen nicht ohne festen Partner bleiben, da sie sich sonst nicht an diesen traditionellen Ritualen beteiligen könnten.

Institutionalisierter Missbrauch

Ein weiterer Brauch ist die sogenannte „Witwenreinigung“. Er beruht auf dem Glauben, dass Witwen durch den Tod ihres Mannes nicht „rein“ sind. Deshalb werden die Frauen zum ungeschützten Sex mit einem Witwenreiniger gezwungen. In einer Region mit einer der weltweit höchsten AIDS-Raten haben diese Bräuche fatale Folgen. Sie kommen heute zwar nicht mehr so häufig zur Anwendung, trotzdem sind nach wie vor viel zu viele Frauen betroffen. Besonders junge Witwen sind gefährdet. Wer sich wehrt, ist auf sich allein gestellt. Gesellschaftliche Ausgrenzung, Stigmatisierung und Vertreibung sind die schreckliche Alternative zu Zwangsheirat und Vergewaltigung. Deshalb haben sich die Frauen der Witwenkooperative St. Monica Village zusammengeschlossen, um sich gemeinsam gegen diese grausame Behandlung zu wehren und in ihren Gemeinden zu HIV/AIDS aufzuklären. Heute hat die Kooperative bereits über 600 Mitglieder. Sie bietet Schutz für alleinstehende Frauen und ihre Kinder, bis diese sich freiwillig dazu entscheiden, wieder zu heiraten.

Seminare zu Landrechten   

„Nach dem Tod meines Mannes versuchte mein Schwager mir das Land wegzunehmen, das ich seit meiner Heirat bewirtschaftet hatte“, erzählt die 72-jährige Roseline Aluoch Milanya. „Was aus meinen neun Kindern wird, war ihm allerdings egal. Zum Glück hatte ich die Unterstützung der Witwenkooperative und auch einige Gemeindemitglieder setzten sich für mich ein. Ich bin sehr dankbar, dass ich in Frieden leben und meine Kinder ernähren kann.“ Weil das Thema Land- und Eigentumsrecht für die Witwen so wichtig ist, finden am Welt-AIDS-Tag auch Seminare statt. Organisiert werden sie in Kooperation mit der kenianischen Organisation KELIN, die sich dem Schutz von Frauenrechten verschrieben hat und sich auf die Bereiche Land- und Eigentumsrecht, HIV/AIDS und sexuelle Selbstbestimmung spezialisiert. KELIN unterstützt Frauen dabei das Land ihrer verstorbenen Ehemänner auf ihren Namen eintragen zu lassen. Das ist die beste Hilfe zur Selbsthilfe. Denn wenn die Frauen ihr eigenes Land bewirtschaften, können sie sich selbst und ihre Kinder versorgen und sind nicht auf Almosen angewiesen.

Mehr Informationen zu diesen traditionellen Bräuchen und ihrem Stellenwert auch noch im heutigen Westkenia: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4074366/ und

https://blogs.lse.ac.uk/africaatlse/2019/05/23/kenya-widow-cleansing-health-crisis/

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